Krankenhäuser

    Fachtagung Personalbemessung

    Fachtagung Personalbemessung

    Auf dem Weg zu einer gesetzlichen Personalbemessung
    Fachtagung am 8. September in Hamburg

     Im jahrelangen Kampf um mehr Personal und Entlastung im Krankenhaus hat ver.di es geschafft, das Thema der gesetzlichen Personalbemessung auf die Tagesordnung zu setzen. Die Expert/innenkommission des Bundestags „Pflegepersonal im Krankenhaus“ hat in einem von ihr in Auftrag gegebenen Gutachten festgestellt, dass es zweifelsfrei einen Zusammenhang zwischen Personalbelastung und der Pflegequalität gibt und die Selbstverwaltung, d.h. die Gesetzlichen Krankenkassen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft, damit beauftragt, sich bis Juni 2018 auf einen Vorschlag zu Personaluntergrenzen zu verständigen.

    Um über den aktuellen Sachstand zu informieren und vor allem von den Beauftragten zu erfahren, wie sie diesen Einigungsprozess angehen werden und eigene Ansprüche daran zu formulieren, hat der Fachbereich Gesundheit und Soziales von ver.di in Hamburg am 8. September 2017 den Fachtag „Auf dem Weg zu einer gesetzlichen Personalbemessung“ mit Vertreter/innen aus Politik, Wissenschaft und Praxis organisiert.

    „Wenn sich die Arbeitssituation bessert, wird auch der Fachkräftebedarf in Zukunft erfüllbar“

    Nach der Begrüßung durch Landesfachbereichsleiterin Hilke Stein begann Senatorin und Mitglied der Expert/innenkommission Cornelia Prüfer-Storcks mit einem ersten Vortrag, in dem sie betonte, dass die Personalbelastung im Krankenhaus gewachsen sei. Mit der Einführung der DRGs sei es zu mehr Fällen in einer deutlich kürzeren Verweildauer gekommen. Dies wäre kein Problem, wäre das Personal mitgewachsen. Doch seien allein in den letzten 15 Jahren 4 % an Stellen im Bereich des Pflegepersonals eingespart worden. Trotz phasenweisen kräftigen Aufwuchses läge die Stellenanzahl heute lediglich auf dem Niveau von 1991. Im ärztlichen Bereich seien in diesem Zeitraum dagegen Stellen aufgestockt worden. Hochgerechnet bedeute dies, dass eine Pflegekraft heute 12 % mehr Patienten versorgen müsse als vor 15 Jahren. Die Konsequenz sei, dass immer mehr Pflegekräfte selbst sagten, dass sie nicht mehr ordentlich arbeiten können, vorzeitig aus dem Beruf ausstiegen oder ihre Arbeitszeit reduzierten; junge Menschen ergriffen diesen Beruf gar nicht erst. Prüfer-Storcks folgerte, dass wenn sich die Arbeitssituation verbessere auch der Fachkräftebedarf in Zukunft erfüllbar sei. Frühere Maßnahmen wie das Pflegestellenförderprogramm, den Pflegezuschlag oder auch die Tarifkostenrefinanzierung verbesserten zwar die Rahmenbedingungen, definierten jedoch nicht, was für gute Pflege benötigt werde.

    „Schlechte Pflege wirkt sich auf die Qualität aus, die Gefahr von Behandlungsfehlern wächst“

    Mit dieser Frage hat sich jedoch auch die Expert/innenkommission nicht befasst. Diese interessierte sich aufgrund mangelnder Evidenz in Deutschland hauptsächlich für den Zusammenhang von Personalbelastung und Pflegequalität. Dieser Zusammenhang wurde in internationalen Studien vielfach bewiesen. „Schlechte Pflege wirkt sich auf die Qualität aus, die Gefahr von Behandlungsfehlern wächst“, so Prof. Jonas Schreyögg, der mit seinen Kolleg/innen am Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen das Gutachten im Auftrag der Expert/innenkommission erstellte. Die Fragestellung war, wie stark sich die Pflegepersonalbelastung auf das Auftreten sogenannter Pflegesensitiver Ergebnisparameter (PSEI), d.h. unerwünschten Ereignissen wie z.B. Dekubitus, Harntraktinfektion, Sepsis, Schock/Herzstillstand, Lungenversagen oder Mortalität auswirkt. Um die Personalbelastung abzubilden, zogen die Wissenschaftler/innen die Pflegepersonalbelastungszahl (PBZ) heran. Diese Zahl beschreibt die durchschnittliche Fallzahl pro examinierter Pflegekraft pro Schicht. Deren Berechnung erfolgte auf Grundlage von 220 Arbeitstagen pro Jahr und einem Arbeitstag von 8 Stunden. Nach Ansicht der ver.di wird angesichts der in der Pflege üblichen 38,5-Stunden-Woche, hoher Krankenstände und Ausgleichstagen für Schichtarbeit das Gutachten die Personalbelastung jedoch systematisch unterschätzt. Das Gutachten beschreibt darüber hinaus lediglich den Ist-Zustand und kann Kompensationsleistungen der Beschäftigten wie schnelles Arbeiten oder das Weglassen von Pausen nicht abbilden. Im Ergebnis stellen Schreyögg und Kolleg/innen dennoch zweifelsfrei den Zusammenhang zwischen der PBZ und dem Auftreten von PSEI fest. Dieser Zusammenhang sei je nach Fachabteilung jedoch unterschiedlich stark. In 15 der untersuchten Fachabteilungen (die Neonatologie und Intensivstationen wurden bspw. aus methodischen Gründen nicht einbezogen) finden die Wissenschaftler/innen einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Personalbelastung und dem Auftreten von unerwünschten Ereignissen und bezeichnen diese Abteilungen als „pflegesensitive Bereiche“. Sie empfehlen, das Pflegepersonal auf diesen Stationen in den schlechtesten 25 % der Krankenhäuser mindestens auf das Niveau des schlechtesten Krankenhauses der übrigen 75 % anzuheben. Bei Einführung dieser „Quartilsgrenze“ ist es keineswegs so, dass PSEIs (unerwünschte Ereignisse) nicht mehr auftreten. Sie werden damit lediglich verringert. So würden die Krankenhäuser laut Schreyögg jedoch nicht überfordert werden und nach einer ebenfalls empfohlenen Evaluation nach 3 Jahren könne nachjustiert werden. Das Gutachten differenziert in seiner Empfehlung nicht zwischen den Fachabteilungen und – aufgrund der Datenlage – auch nicht zwischen den Schichten. Wie sich die Einführung dieser Untergrenze auf die Arbeitsbelastung der Beschäftigten auswirkt, darüber kann das Gutachten ebenfalls keine Aussage treffen. Dies war leider auch nicht der Auftrag des Gutachtens.

     

    „Wir werden an Pflegekräftemangel nichts ändern, wenn wir die schlechten Arbeitsbedingungen so hinnehmen“

    Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks

    „Ethischer Maßstab des Krankenhauses ist das Patientenwohl“

    Die menschliche Seite der Personalbelastung beleuchtete Pastor Michael Brems, Koordinierungsstelle für Krankenhausseelsorge in der Nordkirche. Aus dem Alltag der Krankenhausseelsorge berichtete von dauerhaft verwaisten Pausenräumen, da Pausen Luxus geworden seien, von Beschäftigten, die weinend zu den Krankenhausseelsorg/innen kämen, von Pflegekräften die während der Arbeit nicht mehr zur Toilette gingen um Zeit zu sparen, und wie Pflegekräften heute keinerlei Zeit mehr bleibe, von verstorbenen Patient/innen Abschied zu nehmen. Um den Arbeitsalltag zu bewältigen, hielten sich manche mit Kaffee, Nikotin, Tabletten, Alkohol arbeitsfähig. Andere stumpften ab, und vor allem diejenigen, die mit ganzem Herzen arbeiteten stiegen aus dem Beruf aus oder reduzierten ihre Arbeitszeit. Brems mahnte, dass Krankenhäuser keine Produktionsstätten seien und sich auf den Beschluss des Ethikrats zu besinnen: „Ethischer Maßstab des Krankenhauses ist das Patientenwohl“.

    Im Anschluss an die Inputreferate folgte eine ausführlichere Diskussionsrunde mit den Vertreter/innen der Selbstverwaltung im Krankenhausbereich. Vertreter/innen von Krankenkassen und Krankenhäusern waren sich einig, dass das Gesundheitssystem nicht ausreichend finanziert sei. Bundesweit kämen die Länder ihrer Investitionsverpflichtung nicht nach. Daher forderten die Akteur/innen einstimmig ein Bund-Länder-Investitionsprogramm aus Steuermitteln um den Investitionsstau aufzulösen. Strittig blieb die Frage, ob das Geld aus dem Pflegestellenförderprogramm auf den Stationen ankomme oder aber für Investitionen oder Leistungserweiterungen zweckentfremdet werde. Auch die Vergütung durch das DRG-System wurde allseits als problematisch bezeichnet. Es führe zu einem unfairen Wettbewerb, da Krankenhäuser dieselben Pauschalen bekämen, unabhängig von ihrer personellen Ausstattung. Darüber hinaus müssten auch Tariferhöhungen vollständig ausfinanziert werden. Gefragt nach einer Einschätzung, was im Einigungsprozess zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern erwartet werden könne, antwortete Kathrin Herbst, Leiterin der Landesvertretungen Hamburg und Bremen des Verbands der Ersatzkassen e.V., dass es realistisch sei, dass zunächst für etwas weniger als 15 Bereiche Personaluntergrenzen definiert würden. Zunächst müsse man sich verständigen, für welche Bereiche man welche Untergrenzen definieren wolle. Dazu sollten auch die Fachgesellschaften befragt werden. Die Akteure der Selbstverwaltung machten jedoch keinerlei Aussagen, ob sie zur Bestimmung von Untergrenzen bspw. auch ein arbeitssoziologisches Gutachten mit dem Ziel einer Soll-Ermittlung in Auftrag geben werden, wie es derzeit für den Bereich der Altenpflege durchgeführt wird. Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der BARMER Hamburg, wies darüber hinaus darauf hin, dass auch die unternehmerische Freiheit nicht übermäßig beschnitten werde und es daher richtig sei Mindestgrenzen zu definieren, um Schaden von Patient/innen und Pflegekräften fernzuhalten. Einig waren sich zuletzt alle Beteiligten auch darin, dass Fehlverhalten sanktioniert werden müsse. Senatorin Prüfer-Storcks schlug dazu konkret vor, dass Krankenhäuser die Einhaltung der Untergrenzen nachweisen müssten und auch Sanktionen nötig seien, wie etwa Abschläge bei der Finanzierung und die Veröffentlichung des Fehlverhaltens. Die Landesministerien müssten informiert werden und bei dauerhaften Verstößen Konsequenzen gezogen werden. Dies schließe auch die Schließung von Abteilungen oder ganzen Krankenhäusern nicht aus. Diese Möglichkeit bietet der Hamburger Krankenhausplan.

    „Ohne ver.di‘s Proteste und Aktionen wären wir nicht so weit gekommen“

    Zum Abschluss der Tagung hielt Melanie Wehrheim, Bereichsleitung Berufspolitik in der ver.di Bundesverwaltung, fest, dass viele Proteste und Aktionen ver.di’s nötig waren um die Koalition zu überzeugen, dass eine Personalbemessung nötig ist und dankte allen Kolleg/innen für ihr Engagement. Ohne ver.di wären wir nicht da, wo wir sind. Und ohne ver.di wäre die Pflege nicht Wahlkampfthema. Die Veranstaltung habe jedoch auch gezeigt, dass noch nicht genug erreicht worden sei. Eine Mindestbesetzung für alle Pflegebereiche und darüber hinaus auch für alle anderen Berufsgruppen im Krankenhaus sei nötig um Effekten der Personalverlagerung vorzubeugen. Wehrheim betonte, dass die angestrebten Grenzen nur Untergrenzen, d.h. nur eine untere Haltelinie seien um Gefahren abzuwenden und nicht als Maßstab gesehen oder zur Rechtfertigung von Personalabbau genutzt werden dürften. Die Untergrenzen müssten jederzeit und in jeder Schicht eingehalten werden. Im weiteren Verfahren müssten Expert/innen aus der Pflegepraxis beteiligt werden. Dafür sei die damalige Pflegepersonalregelung aus dem Jahr 1993 eine gute Grundlage. Das BMG müsse parallel an Lösungen arbeiten um im Falle einer Ersatzvornahme schnell handeln zu können. Die derzeit geplante Personalbemessung sei nur ein Teilziel, das ohne unsere Proteste und Aktionen nicht erreicht worden wäre. Es müsse jedoch weitergehen. Und ver.di wird diesen Prozess mit Sachverstand, Informationen und Aktionen begleiten.

    Die gesamte Tagung wurde moderiert und begleitet von Anika Liedloff-Völker und Achim Momm von BAB Institut für betriebswirtschaftliche und arbeitsorientierte Beratung.